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Der Preis von allem und der Wert von Nichts

„We once again achieved record results in 2018”, berichtete Activision CEO Bobby Kotick gönnerhaft im Zuge des veröffentlichten „4th Quarter 2018 Earnings Call“, bevor das Unternehmen postwendend alles in die Wege leitete, um 8% der Belegschaft zu feuern.

Der Preis von allem und der Wert von Nichts

von Hannes Letsch — 5 Minuten Lesezeit

„We once again achieved record results in 2018”, berichtete Activision CEO Bobby Kotick gönnerhaft im Zuge des veröffentlichten „4th Quarter 2018 Earnings Call“, bevor das Unternehmen postwendend alles in die Wege leitete, um 8% der Belegschaft zu feuern. Obwohl man ein wirtschaftliches Rekordjahr laut Kotick hinter sich gebracht hat, verfehlte man die eigenen Erwartungen. Wieder einmal wird von einem Triple-A Unternehmen das Konzept der verfehlten Erwartungen argumentativ verwurstelt und beweist wem Activision Blizzard hörig ist und wem nicht. Ausschließlich aufgrund der gesunkenen Erwartungen für 2019 muss sich das Unternehmen nach eigenen Angaben konsolidieren und umstrukturieren. Daher müssten 800 Personen entlassen werden, obwohl Activision Blizzard so derart erfolgreich sei, wie nie zuvor. Analytisch betrachtet könnte man argumentieren, dass sich der Unternehmenswert an der Börse seit Herbst 2018, nach einem lächerlich hohen und gewiss nicht auf Dauer haltbaren Wachstumsschub über sechs Jahre (von 10 Milliarden Dollar auf 60 Milliarden Dollar), mittlerweile halbiert hat. Denkbar wäre den zügellosen, unkontrollierten Neo-Kapitalismus hinzuziehen, der aus heutiger Sicht mit dem selbstverschuldeten Schlamassel immer schwerer zu kämpfen hat.

CAAApitalism: The Successful Failure Of Videogames (The Jimquisition)
©️ The Jimquisition

Selbst wenn man ein riesiger Fan Activision Blizzards oder des momentan wirkenden Kapitalismus ist, ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese Situation förmlich danach schreit, dass etwas gewaltig schiefläuft. Die Idee, dass ein Projekt oder Unternehmen jeglicher Art sein Rekordjahr präsentiert, somit mehr Geld denn je verdient und gleichzeitig 800 Mitarbeiter entlässt oder zumindest darüber nachdenkt, weil dies eine logische Konsequenz des zugehörigen Systems sei, um weiterhin zu funktionieren (vgl. einige verteidigende Haltungen pro Bobby Kotick in diversen Foren), entlarvt die Praktiken nicht nur auf moralisch, ethischer Ebene. Im Erfolg keine Teilhabe zu praktizieren zerstört sämtliche Motivation bei denjenigen, die für den Erfolg hauptsächlich verantwortlich waren. Abgesehen vom Ausweg der extrinsischen, druckbehafteten Maßnahmen, die Qualität immer zu einem gewissen Grad korrumpieren, verbleibt ein Arbeitsklima, in dem keiner der Führungsriege jemals arbeiten wollen würde.

Die Führung dieses mittlerweile von außen betrachteten konzept- und ideenlosen, beinahe dem metaphorischen Saftladen gleichenden Publishers, der sich innerlich zwischen der Qualität der Produkte und der Quantität der kleinen, bunten Scheinchen zerreißt, scheint nicht zu begreifen, was der Satz „Wer wirtschaftet, handelt egoistisch, ob er will oder nicht“ bedeutet. Der Raum, in dem der Egoismus wirkt, ist nicht intern zu sehen, sondern zwischen Unternehmen gleicher Sparte, die darum ringen, neue Kunden zu gewinnen und bereits Interessierte von direkten Konkurrenten abzuwerben. Mittlerweile verfestigt sich der Eindruck, dass die Führung Activision Blizzards nicht weiß, wovon sie redet, wenn sie etwa argumentiert, die Erwartungen im Jahr 2019 dadurch erfüllen zu wollen, indem im Wesentlichen die Ziele „Good Games“ und „Deliver more content“ dadurch erreicht werden sollen, indem man mehr Inhalte liefert. Einen klassischeren Zirkelschluss kann man sich kaum vorstellen.

All dies auf mehreren Ebenen Abzulehnende durchzuführen, um dem Mythos, dem Märchen des immerwährenden Wachstums hinterherzujagen, ist unsinnig. Es steht mittlerweile die gutbegründete Hypothese im Raum, dass Aktionen dieser Art nicht so „normal“ wären, würde dem Ganzen eine besser organsierte Belegschaft der Videospielbranche entgegenstehen. Sicherlich würde dies nicht alles Verwerfliche stoppen, aber es würde Publisher davon abhalten, derart routiniert sein eigenes Personal als entbehrlich zu betrachten. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an Satoru Iwata, der die Verantwortung für das Verfehlen von eigens gesteckten Zielen als Steuermann des Schiffes „Nintendo“ übernahm, indem er sich für eine Kürzung seines eigenen Lohns entschied, anstatt Jobs zu kürzen, sich wie beispielsweise Herr Kotick aus der Verantwortung zu stehlen und die Frage aufkommen zu lassen, wofür er eigentlich so horrend hohe Gehälter bezieht? Es geht um Fairness und Stringenz, vor allem wenn hochrangige Führungskräfte in der Lage sind, ihren Lohn zu halbieren und trotzdem mehr als genug verdienen, um davon leben zu können. Erst recht, wenn man sich daran erinnert, welche Boni diesen Führungskräften gewährt werden und sich vergegenwärtigt, wie erschöpfend und schwindelerregend reich einige dieser Personen sind. Eben jene, die verantwortlich sind und dennoch nicht für ihre eigenen, verursachten Fehlern im Unternehmen geradestehen müssen. Genau jene, die selbst wenn das jeweilige Unternehmen morgen Konkurs gehen würde, als aber Verantwortliche einen kleinen, goldenen Fallschirm spendiert bekommen, um einen anderen hochrangingen Job bei einem anderen Unternehmen zu erhalten.

While our financial result for 2018 were the best in our history, we didn’t realize our full potential. To help us reach our full potential, we have made a number of important leadership changes. These changes should be enable us to achieve the many opportunities our industry affords us, especially with our powerful owned franchises, our strong commercial capabilities, our direct digital connections to hundreds of millions of players, and our extraordinarily talented employees.”

– Bobby Kotick

Investoren hören sowas gerne, widersprechen aber den Handlungen, denn wenn die eigenen Angestellten so derart talentiert seien, warum werden sie dann zu hunderten entlassen? Sind sie keine wichtige Ressource, die nachhaltiger wirkt, als eine Fantasie, nämlich Geld, die dadurch sichergestellt wird? Die Videospielbranche befindet sich momentan zumindest im Triple-A Bereich in einem vor sich hin brodelnden Durcheinander, das sie selbst geschaffen hat. Viele sahen es heraufziehen, wussten, woher der Wind wehte und kritisierten zurecht die Kurzsichtigkeit (vgl. z.B. Beiträge der letzten Jahre von Jim Sterling). Obwohl die Branche insgesamt mehr Geld denn je verdient, befindet sie sich abermals in einigen, wesentlichen Bereichen in einem Stadium der Panik, ohne auf Makro-, Meso- und Mikroebene zu wissen, warum sie so agiert, wie sie agiert. Eine wesentliche Lehre, die nicht begriffen wird, ist, dass neue Genre oder Spielideen wirtschaftliche Gelegenheiten sind, aber nicht im Sinne einer Goldrauschlogik. Zumindest einige Teile der Videospielbranche scheinen nicht zu lernen oder lernen zu wollen, denn dieser Fehler wird seit den 1980ern immer und immer wieder begangen. Das Gleiche zu tun in der Erwartung, dass sich etwas ändert, ist die Definition von Wahnsinn.

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